Oft lese ich von der natürlichen Ordnung , die zwischen Mann und Frau
bestehen würde. Ausgedrückt wird das manchmal durch den Satz:
"Die Frau folgt dem Mann, und der Mann dient der Frau"
In
unserer Zeit erwecken derartige Ausdrücke viel Emotion, insbesondere
der erste Halbsatz wird von vielen als Provokation verstanden und
letztlich ist es auch so, dass sowohl Frauen als Männer immer wieder
versuchen ihren angestrebten Status moralisch/ethisch zu begründen.
Bei obigen Satz schauen dann die Männer wahrscheinlich auf den ersten Teil des Satzes und die Frauen auf den zweiten.
Aber worum geht es wirklich?
Lassen
wir mal Frau und Mann weg. Eigentlich geht es um das männliche und das
weibliche Prinzip. Spätestens seit G. Jung wissen wir, dass in uns
Menschen sowohl männliche als auch weibliche Aspekte wirken - unser
Animus und unsere Anima.
Es geht daher nicht um den Führungsanspruch von Mann
ODER Frau - es geht um männliche UND weibliche Persönlichkeitsanteile
und zwar innerhalb jedes Menschen.
Bauen wir den obigen Satz entsprechend um, dann heißt es:
Das Weibliche folgt dem Männlichen, das Männliche dient dem Weiblichen.
Wie ist das zu verstehen?
Dazu ist es notwendig sich mit den archetypisch
männlichen und weiblichen Anteilen auf dieser Welt zu beschäftigen. Die
Chinesen haben es sehr schön durch Yin und Yang zum Ausdruck gebracht.
Es geht um Polaritäten, die zu einander stehen wie zwei Seiten einer
Medaille - die eine kann nicht ohne die andere. Da die Begriffe "folgen"
und "dienen" historisch aufgeladen sind, ist es wahrscheinlich besser,
sie durch etwas anderes zu ersetzen. Da es um einander bedingende
Gegensatzpaare handelt, bietet sich das Wort "brauchen" am besten an -
somit heißt es eigentlich:
Das Weibliche braucht das Männliche, das Männliche braucht das Weibliche.
Wer
die Welt daher aus dieser Perspektive betrachtet, erkennt, es geht
nicht um Führung oder Dienen. In Wirklichkeit geht es darum die jeweils
eigenen Persönlichkeitsanteile weiblich/männlich in ein stimmiges
Gleichgewicht zu bringen und beiden Anteilen jenen Raum zu geben, den
sie brauchen.
Solange man diesen Ausgleich noch nicht erreicht hat,
entsteht ein besonderer Fokus in der "Außenwelt" auf jenen
Persönlichkeitsanteil, der noch mehr Entwicklung braucht.
Aufgrund
unserer Erziehung ist es klar, dass die meisten Frauen ihre männlichen
Anteile unzureichend kennen und leben, andererseits den meisten Männern
oft gar nicht bewußt ist, dass auch sie weibliche Persönlichkeitsaspekte
in sich tragen.
Jene die, die alte Ordnung erhalten wollen, weil sie
Angst vor ihrer zweiten inneren Hälfte haben, meinen dann oft,
Gegensätze ziehen sich an und wenn wir alle ein ausgeglichenes
Verhältnis von weiblich/männlich in uns tragen, dann werden wir alle zu
einem Neutrum und gehen keine Mann/Frau Beziehungen mehr ein, weil es
hier dann keine Anziehung mehr gäbe.
Nun das glaube ich nicht.
Einerseits
bin ich mir sicher, werden wir in uns selbst nie einen 50:50 Status
erreichen, da wir alle für eine Seite eine gewisse Vorliebe entwickeln,
andererseits gibt es nicht nur das Sprichwort: "Gegensätze ziehen sich
an", sondern es zeigt sich auch "Gegensätze stossen sich ab".
Es
gibt dann keine gemeinsame Basis und man versucht, den anderen Pol als
negativ darzustellen, weil man sich besonders mit dem eigenen gerade
identifiziert - das führt dann zum Geschlechterkampf und zu Konkurrenz
und zu all den Mann/Frau Beziehungsverwirrungen die wir alle gerade
überall erleben.
Statt daher mit dem gegensätzlichen archetypischen
Persönlichkeitsaspekt im Außen zu kämpfen, wird es für uns alle Zeit
diesen in der eigenen Persönlichkeit zu entwicklen. denn wir brauchen
beide um uns ganz zu fühlen.
Erst
dann sind wir wirklich unabhängige Menschen, die freie Entscheidungen
treffen und Bindungen eingehen können, die auf Achtung, Liebe und
gegenseitigem Respekt basieren.